• März 9, 2020
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Konzert Review Dream State / I Prevail

article-author
Alina Oelkers

 „The only thing that´s real is right now, right here.“CJ Gilpen, Dream State

Wie beginnt man den Bericht über ein eines Konzertes, welches man so intensiv erlebt und gefühlt hat, dass man nun gar nicht mehr so recht weiß, was da eigentlich alles in diesen gut zweieinhalb Stunden passiert ist?

Doch eigentlich ist das ein gutes Zeichen, oder?! Sich so sehr in der Musik zu verlieren und im Moment zu sein, dass es einem im Nachhinein wie ein Traum erscheint. Ein Traum, welcher einen für kurze Zeit alles vergessen lässt: den Alltag, mit all seinen Stress- und Nerv-Faktoren, und alles andere, was einen so manche Nacht nicht schlafen lässt. Auf der Rückfahrt versucht der Kopf dann doch Revue passieren zu lassen und die einzelnen Bilder und Emotionen in einen sinnvollen Kontext zu bringen: Limp Bizkits „Rollin´“ plätschert im Hintergrund. Ein gutgemeinter Versuch, die Ungeduld der Wartenden zumindest ein kleines Bisschen zu zügeln. Doch immer wieder strecken sich vereinzelte Köpfe aus dem großen Menschenmeer in die Höhe, um einen Blick auf die verdunkelte Bühne zu erhaschen, deren Hintergrund ein großes Dream State Banner ziert. Es ist kurz nach 19.00 Uhr. Das langsam aber sicher steigende Adrenalin der Besucher lässt sich förmlich greifen. Und dann ist es endlich so weit: Limp Bizkit verstummt. Es ist das Signal, welches das Gemurmel sofort in ekstatische Jubelrufe ausbrechen lässt, während das Innere der Hamburger Docks samt 1500 Musikfans in Dunkelheit versinkt. Showtime für Dream State und Headliner I Prevail.

„We got to bite the hand that feeds the fear“
–Open Windows, Dream State

Es ist doch genau dieser Moment, für welchen Musikfans leben! Ein Moment, auf welchen sie monatelang, wenn nicht sogar jahrelang, hingefiebert haben. Endlich ist die Lieblingsband samt Support in der Stadt, für die man gerne mehrere Stunden Warten im Hamburger Schmuddelwetter in Kauf nimmt. In unserem Fall sind das Dream State und I Prevail, die gemeinsam im Zuge ihrer „Trauma“-Tour Europa unsicher machen. Geballte Screams und bebende Breakdowns treffen hier auf melodische Refrains und tiefgehende Texte – vor allem aber auf Emotionen. Emotionen in ihrer reinsten Form! Dream State-Sängerin CJ gibt davon sogar so viel, dass es sie in den Songs immer wieder auf alle viere zwingt oder einfach gleich mitten in die riesige Menschenmenge zieht. Auch dort gibt die 1,55 Meter große Sängerin alles und schmeißt sich während des Songs „Are you ready to live“ mutig mit hunderten von Fans in den ersten Moshpit des Abends. Dass Dream State die US-Band I Prevail auf ihrer Tour „nur“ als Support begleiten, ist an diesem Abend nicht annähernd spürbar. Überall, wo man hinsieht, wird fleißig gemosht, laut mitgesungen oder der Kopf in sämtliche Richtungen geworfen. Auch Sängerin CJ treibt es immer wieder in den Bühnengraben oder direkt auf den Wellenbrecher, um den vielen Fans möglichst nah zu sein. Dream States Debüt Album Primrose Path hat nicht nur in ihrer Heimat Großbritannien überzeugt, auch hierzulande waren Kritiker und Fans begeistert vom Album der Waliser. Diese wollen ihren Erfolg übrigens immer noch nicht so ganz wahrhaben, wie uns die Gitarristen Rhys und Aled im Interview verraten haben.

https://youtu.be/054zWX1N8xg

Kein Wunder, dass die Messlatte bei Songs wie „Open Windows“, „Primrose“ oder „Twenty Letters“ für I Prevail dann noch einmal gewaltig nach oben gelegt wird. Der Abend ist jetzt schon perfekt. „The only thing that´s real is right now, right here“, mit diesen Worten verabschiedet sich die charmante Sängerin von Hamburgs ausverkauften Docks. Ein Satz, der hängenbleibt, beschreibt er doch genau das, was alle in diesem Moment fühlen. Dream State haben beeindruckt. Überall hört man ein „boah, die waren mal richtig gut“, ein „Mann, war das intensiv“ oder auch ein „Mist, ich hätte nicht die ganze Zeit moshen dürfen, wie soll ich denn jetzt bitte noch bei I Prevail durchmithalten, hä?!“

Have you ever had a dream? Would you fight for it? Would you go to war? Would you die for it?
–Bow Down, I Prevail

Mithalten trifft es ganz gut. Denn mit den ersten Tönen von I Prevails „Bow Down“ verwandelt sich der gesamte Innenraum in ein einziges, sich bewegendes Menschenmeer, welches der Band den Songtext „get on your knees and bow down“ so laut entgegenschmettert, dass Sänger Brian und Shouter Eric zu diesem Zeitpunkt nicht annähernd zu hören sind. Diejenigen, die sich bei Dream State noch zurückgehalten haben, befinden sich spätestens jetzt mit im Moshpit und lassen sich von der Menge treiben. I Prevail liefern ab, schaffen es mit jedem Song, die Crowd noch ein Stückchen mehr an ihr absolutes Maximum zu bringen. Die Docks selbst gleichen an diesem Abend einer Sauna, welche sämtliche Bandshirts innerhalb kürzester Zeit komplett durchnässt, was die 1.500 Fans aber nur noch weiter anzutreiben scheint. Immer wieder werden in den kurzen Songpausen „I Prevail! I Prevail! I Prevail!“-Chöre angestimmt und auch die Mosh- und Circlepits lassen zu keinem Zeitpunkt des Konzertes nach. Mit einer solchen Hingabe haben wohl auch I Prevail nicht gerechnet, ringen sie doch immer wieder nach Worten, um ihre Dankbarkeit auszudrücken. Es ist das erste Mal, dass sie in Hamburg spielen und wie Sänger… es sagt: „I promise you right now, we will always come back to play for you, Hamburg! This next song is for you, it´s called Scars“. Ab hier verschwimmen die Erinnerungen. Zu sehr verliert man sich in den insgesamt fünfzehn gespielten Songs, darunter das komplette aktuelle Album „Trauma“, für welches die fünf Jungs aus Detroit sogar für zwei Grammys nominiert waren. Um 21.30 Uhr ist alles vorbei. Die Docks werden mit Licht geflutet, die I Prevail-Crew beginnt mit dem Abbau der Bühne. Und man selbst? Man selbst fragt sich, was da eigentlich gerade passiert ist und warum bereits jetzt schon alles wieder vorbei ist. Immer noch voller Adrenalin und Endorphine begibt man sich in Richtung Garderobe und versucht die sich ankündigende Post-Concert-Depression so gut es geht zu ignorieren. Zu schön ist das Gefühl des gerade Erlebten, was sich einfach nicht in Worte fassen lässt. Und das ist auch gut so, ist es doch genau dieser Moment für welchen Musikfans leben.